Dr. Tobias Büchi

Fachbericht Äussere Stadtbefestigung Zug: Historische Grundlagen (Auftrag der Denkmalpflege Kanton Zug)

Johann Jakob Biderman: VUE de la VILLE de ZOUG. Basel: Birmann & Huber, [1796] (Ausschnitt)

Johann Jakob Biderman: VUE de la VILLE de ZOUG. Basel: Birmann & Huber, [1796] (Ausschnitt)

Die äussere Ringmauer der Stadt Zug markiert einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Stadt an der Schwelle zur Neuzeit. Nach der Arrondierung des Untertanengebiets unterstrich das Bau­werk den Machtanspruch des eidgenössischen Ortes. Der Bau einer modernen Bastionärbefestigung wie in Bern (1622-1633), Zürich (ab 1642) oder Solothurn (ab 1667) jedoch wurde in Zug – wie in auffällig vielen katholischen Hauptorten – nie ernsthaft angegangen. Wohl auch weil die Stadt im Dreissigjährigen Krieg – im Vergleich etwa zu Basel – nicht sehr exponiert war. Diesem Umstand ist es aber zu verdanken, dass einige der für die Identität Zugs wichtigen Wehrtürme bis heute erhalten blieben.

Die archäologische Erfassung einzelner Mauerabschnitte, Türme und Toranlagen geschah bislang meist im Rahmen von Leitungssanierungen. Die kleinen Aus­schnitte lassen nur wenige auf Fundmaterial gestützte Datierungen zu. Die erhaltenen Türme sind archäologisch so gut wie nicht dokumentiert. Im Rahmen einer im Auftrag der Denkmalpflege des Kantons Zug durchgeführten Sichtung von Archivbeständen liessen sich Angaben älterer Literatur  korrigieren. Durch die genauere Auswertung der umfangreichen Rats- und Gemeindeprotokolle (Bürgerarchiv Zug, A 39.26 und A 39.27) sowie der Bauamtsrechnungen (A 2.19) konnten zudem bis dato unbekannte Ereignisse und Sachverhalte detailliert dokumentiert werden:

Gemäss neuesten Forschungsresultaten erfolgte die Errichtung der Wehranlage mit einer planmässig durchgeführten Stadterweiterung  im Bereich des Neutors ab 1478 durch Hans Felder aus Oettingen. Als weiterer Abschnitt entstanden 1487 das Löberentor und anschliessende Mauerteile unter der Leitung des süddeutschen Baumeisters Hans Umgelter. Dann wurde der Bau der Anlage unterbrochen. Als Baumeister der letzten Etappe von 1518 bis 1529 könnte der Prismeller Baumeister Ulrich Giger verantwortlich gezeichnet haben.

Nach der Absenkung des Zugersees im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert musste die Befestigung westlich des Salzbüchsliturms auf der gewonnen Landfläche zunächst mit einer 1619 neu errichteten Mauer und 1659 mit dem sogenannten Schänzli ergänzt werden, auf dem sich auch schweres Geschütz einsetzen liess. 

Zwischen 1643 und 1659 wurde die Ringmauer renoviert und in mehreren Etappen ein gedeckter Wehrgang (Laube) errichtet. In den Jahren 1664 und 1665 erfolgte die Errichtung einer Schanze vor dem Löberentor, das 1683 aufgestockt wurde und – wohl auch aus Gründen der Repräsentation – einen neuen Dachstuhl bekam. Die Wehrmassnahmen im ersten und zweiten Villmergerkrieg konnten dokumentiert werden. Im restlichen 18. Jahrhundert erfolgten neben Unterhaltsarbeiten vorwiegend repräsentative Umbauten an Tortürmen, Brückenbau­ten und Ausbauvorschläge, die Papier blieben.

Der interne Bericht von rund 200’000 Zeichen umfasst neben einer Darstellung der Quellenlage und Geschichte der Wehranlage Zugs detaillierte Beschreibungen aller Türme und Mauerabschnitte mit jeweils einer Chronologie aller dokumentierten Umbau-, Verbesserungs- und Renovationsarbeiten.

❧ Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum vom Bundesamt für Kultur zu den Schönsten Büchern der Schweiz des Jahres 2018 ausgezeichnet

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Aus dem Bericht der Jury

Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum 1486-1648

Der sehr grosse und schwere Katalog mit blauem, foliengeprägten Hardcover verzeichnet über 1000 architekturtheoretische Schriften aus der Frühneuzeit und beeindruckt als geradezu zeitlos erscheinender Wissensspeicher. Nach einem sehr langen und reich bebilderten Essay des Herausgebers (und Buchsammlers) folgt der Katalogteil, der die Texte nach den über 60 Autoren in chronologischer Abfolge gruppiert. Bebilderte Einleitungen zu jedem Autor gehen den ausführlichen technischen Beschreibungen der einzelnen Drucke voraus, die jeweils von einer Abbildung des Umschlags begleitet sind. Die Gestaltung nutzt die Besonderheiten des Materials optimal, indem sie mit einem einfachen, aber durchdachten Raster sehr dynamische, ständig wechselnde Layouts erzeugt. Dank einem ausgezeichneten Leitsystem in den Seitentiteln und an den Rändern sowie dank sorgfältiger Typografie wirkt der Band trotz des dichten, fachspezifischen Gehalts nicht abschreckend. Als Referenzsystem für ein bis zu 500 Jahre altes Wissen manifestiert er die essenzielle Funktion des Buchmediums, aus dem Zeitfluss auszutreten. Die massiven Dimensionen und die Materialität unterstreichen den Anspruch, dass der Band unter guten Bedingungen seinerseits 500 Jahre überdauern kann. 

Ce monumental et pesant catalogue à couverture rigide bleue, gaufrée et imprimée à chaud, répertorie plus de 1000 écrits théoriques architecturaux du début de la période moderne. C’est une impressionnante encyclopédie de connaissances, qui paraît presque intemporelle. Après un essai très long et richement illustré de l'éditeur (et collectionneur de livres), vient la section catalogue, regroupant les textes de plus de 60 auteurs par ordre chronologique. Des introductions illustrées à chaque auteur précèdent les descriptions techniques détaillées des différentes oeuvres, accompagnées à chaque fois d'une reproduction de la couverture. La réalisation graphique fait un usage optimal des particularités du matériau, en créant, grâce à un gabarit simple mais bien étudié, une mise en pages très dynamique, sans cesse renouvelée. À l’aide d’un excellent système de navigation dans les titres des pages et dans les marges, ainsi qu’à une réalisation typographique soignée, le volume, en dépit d’un contenu dense et spécialisé, ne rebute pas. Système de référence pour un savoir qui a jusqu’à 500 ans d’âge, il illustre la fonction essentielle du média livre: s’extraire du flux du temps. Ses dimensions massives et sa forte présence matérielle soulignent l’ambition que l’ouvrage, si les conditions le permettent, dure lui aussi 500 ans.

This very large, heavy catalogue with a blue, foil-embossed hardcover lists over one thousand writings on architectural theory from the early modern period and is a remarkable, seemingly timeless store of knowledge. A very long, lavishly illustrated essay by the editor (and book collector) is followed by the catalogue section, where the texts by over 60 authors are grouped in chronological order. Illustrated introductions to each author precede the detailed technical descriptions of the individual works, each of which is accompanied by an illustration of its cover. The design makes optimum use of the characteristics of the material, employing a simple but well thought-out grid to create highly dynamic, constantly changing layouts. An excellent navigation system in the running headers and the margins combines with carefully executed typography to ensure that for all its dense, specialised content, the book manages not to be off-putting. As a system of reference for knowledge dating back up to five hundred years, it epitomises the essential function of the book as medium, escaping as it does from the flow of time. Its large dimensions and material qualities underscore the ambition to produce a book that, given the right conditions, can itself endure for five centuries.

Autor(en)/Auteur(s)/Author(s)
Werner Oechslin, Tobias Büchi, Martin Pozsgai
Gestaltung/Graphisme/Design
Claudiabasel GmbH, Basel
Druck/Impression/Printing
DZA Druckerei zu Altenburg, Altenburg (DE)
Verlag/Publication/Publisher
Colmena, Basel
ISBN
978-3-906896-05-2
 

❧ Ein Versuch über das Unheimliche, in: Nathalie Bissig, Kaum einer wird sich noch erinnern. Uri damals, ein Epilog, Altdorf 2019

Vernissage in Flüelen // © Tobias Büchi

Vernissage in Flüelen // © Tobias Büchi

Die Arbeit Kaum einer wird sich noch erinnern der Fotografin Nathalie Bissig bezieht sich auf den populären Band Uri damals, Photographien und Zeitdokumente 1855–1925 von Karl Iten. Anhand den von Iten gesammelten Fotografien aus einer anderen Zeit dringt Nathalie Bissig zu den Wurzeln ihrer Herkunft vor. Im Essay nähere ich mich dem persönlich und subjektiv scheinenden Blick der Künstlerin auf den Kanton Uri. Dazu ordne ich zunächst Itens Uri damals in den historischen Kontext ein. Anschliessend folgt mit einer Betrachtung über Tradition und Fortschritt ein Hinweis auf unheimliche Züge unserer Zeit. Um dann die jenseits von Tradition und Fortschritt liegende Aktualität des Unheimlichen in Bissigs Arbeit besser fassen zu können, wird auf den Armenseelenkult, den Maskenbrauch und das vielzitierte Buch Goldener Ring über Uri von Eduard Renner eingegangen.

Die Publikation erschien als Beilage im Urner Wochenblatt. Produziert im Rahmen des Kulturprojekts Die andere Zeit der Albert Koechlin Stiftung.

Exemplare können für 20.– (+Porto) über bissig@bissig.cc bezogen werden.

24 Seiten / 280:405mm
ca. 38 Bilder in SW  
Auflage: 13’000 
ISBN: 978-3-033-07242-8

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